Stephan R. : Mondfinsternis – Bericht aus Bochum

Ich freue mich mal wieder einen Gastbeitrag zeigen zu d√ľrfen. Stephan hat freundlicherweise seinen Abend bzw. Morgen zur Mondfinsternis als Beitrag verfasst und mir erlaubt ihn hier auf der Seite zu ver√∂ffentlichen. Vielen Dank daf√ľr.

 

Ein kleiner Schritt in den Garten, ein gro√üer Schritt f√ľr mich… die Mondfinsternis im September 2015

28.09.2015, irgendwo in der Bochumer Innenstadt. 2:00 Uhr morgens. Der Wecker klingelt… der Wecker klingelt? Wieso zum Geier klingelt der Wecker so fr√ľh? Verdammt! Mal wieder zuviel dran rumgespielt und die falsche Uhrzeit eingestellt. Das war der erste Gedanke. Doch dann wird es heller im Kopf. Ach ja, noch 10 Minuten bis die Show beginnt.

Jetzt leise aus dem Bett raus, Frau und Kind nicht wecken und schnell in die vorbereiteten Thermoklamotten schl√ľpfen. Auf dem Weg nach unten in den Garten noch einmal schnell aus dem Fenster geguckt. Lohnt sich der ganze Aufwand √ľberhaupt oder h√§ngt √ľber Bochum mal wieder eine dicke Wolkensuppe?

Kennt man ja! Bei jedem Himmelsereignis ist das ja bis jetzt Standard gewesen! Die erste √úberraschung des Tages: wolkenlos, gute Sicht auf den Trabanten. Also auf in den Garten und ran ans im Gartenhaus vorbereitete Equipment.

Der alte 70/1000mm Bresser-Refraktor auf der Wackelmontierung¬† (ein Geschenk vom Opa zum 18. Geburtstag zur Sonnenfinsternis ’99 sollte ein Revival haben), die StarAdventurer auf Manfrotto best√ľckt mit EOS450 samt 200mm Festbrennweitenobjektiv Typ Mamiya Apo, das Zeiss 8×54 Fernglas, drei Ersatzakkus f√ľr die EOS, der Fernausl√∂ser, der einsatzbereite Gasgrill, 3 Bratw√ľrste und der Earl Grey Tee samt W√ľrfelzucker stehen parat und warten auf eine gemeinsame Nacht. Am Vortag bereits die Ekliptik mit dem Auge „vermessen“ und die Gewissheit, das Ereignis der Nacht dank des hervorragenden Bebauungsplan der Nachbarschaft in voller L√§nge genie√üen zu k√∂nnen.

Noch ein Blick aufs Smartphone und die Feststellung, dass die Alarme auf die wichtigsten Zeiten des Morgens eingestellt sind.

Nach dieser Orientierungsphase und der zufriedenen Genugtuung, dass es jetzt nur noch vom Wetter abhängt kann es also losgehen. Der erste Versuch der digitalen Astrofotografie, scharfer Durchgang. Die Spannung steigt.

Kurz vor Beginn dann eine fixe Idee. Die EOS450 wird kurzerhand ohne Objektiv an den Refraktor gebaut und nach ein wenig Fokussierarbeit ist ein zufriedenstellendes Ergebnis da. Vollmond, bildf√ľllend, scharf, mit kurzer Belichtungszeit ist realisierbar.

2:39 Uhr; das Handy meldet sich. Sichtbarkeitsbeginn. Und tats√§chlich:¬†Langsam und gem√ľtlich schiebt sich die helle Scheibe am Himmel in den Schatten. Klack, klack, klack, die EOS wird an die Arbeit gebracht.¬†Unterschiedliche ISO-Werte und Belichtungszeiten werden ausprobiert. Es funktioniert, ein Grinsen breitet sich aus.¬†Zeit den Grill anzuwerfen und die Verpflegung zu sichern.

Zwischenzeitlich ein wenig Entspannung im Gartenstuhl mit einem hei√üen Tee vom Seitenkochfeld der Outdoork√ľche und das tiefe Gef√ľhl der Zufriedenheit.¬†Die Nachbarschaft ist im Tiefschlaf. Kein einziges Fenster leuchtet, kein Mensch scheint auf den Beinen zu sein. Banausen.

3:07 Uhr! Der n√§chste Alarm. Eintritt in den Kernschatten. Schnell den Rest Bratwurst verdr√ľckt und zur√ľck ans Ger√§t. Die Belichtungszeiten werden l√§nger, die ISO-Werte geringer. Unruhe macht sich breit. Der Mond wird dunkler und der Refraktor ohne Nachf√ľhrung kommt an seine astrofotografische Grenze. Gem√§√ü dem alten Grundsatz „Ist √Ąrger am Start, hab‘ ’nen Ausweg parat!“ kommt Plan B zum Zuge. Die StarAdventurer wird angeschmissen und die Belichtungszeiten k√∂nnen verl√§ngert werden. 800mm Brennwerteinbu√üe, aber egal. Ein neues Problem taucht auf. Der Fokus. Auf dem Monitor der EOS zeigt sich eine zunehmend dunkler werdende, unscharfe Scheibe. Frust kommt auf. Was hat Frank gesagt? Fokus finden! Wird gemacht.

Im Rotlichtschein des umfunktionierten Fahrradr√ľcklichtes wird im Gartenhaus nach der eigens angeschafften Bahtinovmaske gesucht. Aufgrund mangelnder Erfahrung nochmal schnell online ein Bild des anzustrebenden Ergebnisses angesehen. Jawohl, verstanden. Nach 30 Minuten auch die Fokus-Klippe umschifft.

4:11 Uhr. Jetzt wird’s ernst. Die EOS rattert, der Blutmond wird blutiger!¬†Ein Blick durch den Refraktor zeigt Sterne direkt neben der vorhin noch strahlend hellen Scheibe. Faszinierend!¬†Die Bilder werden was, der Akku h√§lt, der Fokus stimmt. Zeit f√ľr Bratwurst Nummer zwei.

4:47 Uhr. Maximale Verdunkelung. Alles ist dunkel. Garten und H√§user sind schwarz. Am Gro√üstadt-Himmel kommen mehr Sterne zum Vorschein. Der Blick nach S√ľden zeigt Orion. √úbermut kommt auf. Sollte der Versuch gestartet werden? Die StarAdventurer wird neu positioniert. D√§mliche Tanne!

Einnordung? Pi mal Daumen. Belichtungszeit und ISO? Keine Ahnung! Feuer frei. Nervöses Hin- und Hergelaufe! Klack! Der Blick auf das Displaybild zeigt M42! Ein wenig unscharf, mit Hotpixeln, mit Vignettierung, mit nicht schwarzem Himmel, mit geringer Auflösung. Völlig egal! Es zeigt M42!!! Im heimischen Garten! In der Innenstadt in Bochum! Der Tag beginnt mit einem Freudentanz. Noch eins. Re-Test-Validierung! Es funktioniert! Das erste DeepSky-Foto! Was soll noch passieren?

Es klingelt. N√§chster Alarm? Nein! Zu fr√ľh. Ein Anruf? Wer ruft denn jetzt bitte an? Zu nachtschlafender Stunde? Frechheit! Es ist der Kumpel aus K√∂ln, der ebenfalls am Fenster h√§ngt. Kurzer Austausch der Ergebnisse.¬†300mm Teleobjektiv auf einem Stativ funktioniert nicht. Wieso dreht sich die Erde denn auch so schnell? Die eigenen Ergebnisse lassen Neid in K√∂ln aufkommen.

5:23 Uhr. Ende der Totalit√§t. Der Mond rutscht n√§her an den Horizont. Es wird heller,¬† unsch√§rfer und die SD-Karte zeigt noch Platz f√ľr 30 Bilder.

Die letzten Aufnahmen werden gemacht und langsam wird zusammengepackt. Die Nachbarschaft erwacht, die ersten Autos werden vom Garagenhof nebenan gefahren.

Die Frau muss um 6 Uhr raus, Beginn der Betreuung des Nachwuchses.

Ende eines tollen Ein-Mann-Events. Und Lust auf mehr!

 

Stephan Rodepeter – Bochum

 

Das Ergebnis