Sonntag, Juni 16, 2024

Stephan R. : Mondfinsternis – Bericht aus Bochum

Ich freue mich mal wieder einen Gastbeitrag zeigen zu dürfen. Stephan hat freundlicherweise seinen Abend bzw. Morgen zur Mondfinsternis als Beitrag verfasst und mir erlaubt ihn hier auf der Seite zu veröffentlichen. Vielen Dank dafür.

 

Ein kleiner Schritt in den Garten, ein großer Schritt für mich… die Mondfinsternis im September 2015

28.09.2015, irgendwo in der Bochumer Innenstadt. 2:00 Uhr morgens. Der Wecker klingelt… der Wecker klingelt? Wieso zum Geier klingelt der Wecker so früh? Verdammt! Mal wieder zuviel dran rumgespielt und die falsche Uhrzeit eingestellt. Das war der erste Gedanke. Doch dann wird es heller im Kopf. Ach ja, noch 10 Minuten bis die Show beginnt.

Jetzt leise aus dem Bett raus, Frau und Kind nicht wecken und schnell in die vorbereiteten Thermoklamotten schlüpfen. Auf dem Weg nach unten in den Garten noch einmal schnell aus dem Fenster geguckt. Lohnt sich der ganze Aufwand überhaupt oder hängt über Bochum mal wieder eine dicke Wolkensuppe?

Kennt man ja! Bei jedem Himmelsereignis ist das ja bis jetzt Standard gewesen! Die erste Überraschung des Tages: wolkenlos, gute Sicht auf den Trabanten. Also auf in den Garten und ran ans im Gartenhaus vorbereitete Equipment.

Der alte 70/1000mm Bresser-Refraktor auf der Wackelmontierung  (ein Geschenk vom Opa zum 18. Geburtstag zur Sonnenfinsternis ’99 sollte ein Revival haben), die StarAdventurer auf Manfrotto bestückt mit EOS450 samt 200mm Festbrennweitenobjektiv Typ Mamiya Apo, das Zeiss 8×54 Fernglas, drei Ersatzakkus für die EOS, der Fernauslöser, der einsatzbereite Gasgrill, 3 Bratwürste und der Earl Grey Tee samt Würfelzucker stehen parat und warten auf eine gemeinsame Nacht. Am Vortag bereits die Ekliptik mit dem Auge „vermessen“ und die Gewissheit, das Ereignis der Nacht dank des hervorragenden Bebauungsplan der Nachbarschaft in voller Länge genießen zu können.

Noch ein Blick aufs Smartphone und die Feststellung, dass die Alarme auf die wichtigsten Zeiten des Morgens eingestellt sind.

Nach dieser Orientierungsphase und der zufriedenen Genugtuung, dass es jetzt nur noch vom Wetter abhängt kann es also losgehen. Der erste Versuch der digitalen Astrofotografie, scharfer Durchgang. Die Spannung steigt.

Kurz vor Beginn dann eine fixe Idee. Die EOS450 wird kurzerhand ohne Objektiv an den Refraktor gebaut und nach ein wenig Fokussierarbeit ist ein zufriedenstellendes Ergebnis da. Vollmond, bildfüllend, scharf, mit kurzer Belichtungszeit ist realisierbar.

2:39 Uhr; das Handy meldet sich. Sichtbarkeitsbeginn. Und tatsächlich: Langsam und gemütlich schiebt sich die helle Scheibe am Himmel in den Schatten. Klack, klack, klack, die EOS wird an die Arbeit gebracht. Unterschiedliche ISO-Werte und Belichtungszeiten werden ausprobiert. Es funktioniert, ein Grinsen breitet sich aus. Zeit den Grill anzuwerfen und die Verpflegung zu sichern.

Zwischenzeitlich ein wenig Entspannung im Gartenstuhl mit einem heißen Tee vom Seitenkochfeld der Outdoorküche und das tiefe Gefühl der Zufriedenheit. Die Nachbarschaft ist im Tiefschlaf. Kein einziges Fenster leuchtet, kein Mensch scheint auf den Beinen zu sein. Banausen.

3:07 Uhr! Der nächste Alarm. Eintritt in den Kernschatten. Schnell den Rest Bratwurst verdrückt und zurück ans Gerät. Die Belichtungszeiten werden länger, die ISO-Werte geringer. Unruhe macht sich breit. Der Mond wird dunkler und der Refraktor ohne Nachführung kommt an seine astrofotografische Grenze. Gemäß dem alten Grundsatz „Ist Ärger am Start, hab‘ ’nen Ausweg parat!“ kommt Plan B zum Zuge. Die StarAdventurer wird angeschmissen und die Belichtungszeiten können verlängert werden. 800mm Brennwerteinbuße, aber egal. Ein neues Problem taucht auf. Der Fokus. Auf dem Monitor der EOS zeigt sich eine zunehmend dunkler werdende, unscharfe Scheibe. Frust kommt auf. Was hat Frank gesagt? Fokus finden! Wird gemacht.

Im Rotlichtschein des umfunktionierten Fahrradrücklichtes wird im Gartenhaus nach der eigens angeschafften Bahtinovmaske gesucht. Aufgrund mangelnder Erfahrung nochmal schnell online ein Bild des anzustrebenden Ergebnisses angesehen. Jawohl, verstanden. Nach 30 Minuten auch die Fokus-Klippe umschifft.

4:11 Uhr. Jetzt wird’s ernst. Die EOS rattert, der Blutmond wird blutiger! Ein Blick durch den Refraktor zeigt Sterne direkt neben der vorhin noch strahlend hellen Scheibe. Faszinierend! Die Bilder werden was, der Akku hält, der Fokus stimmt. Zeit für Bratwurst Nummer zwei.

4:47 Uhr. Maximale Verdunkelung. Alles ist dunkel. Garten und Häuser sind schwarz. Am Großstadt-Himmel kommen mehr Sterne zum Vorschein. Der Blick nach Süden zeigt Orion. Übermut kommt auf. Sollte der Versuch gestartet werden? Die StarAdventurer wird neu positioniert. Dämliche Tanne!

Einnordung? Pi mal Daumen. Belichtungszeit und ISO? Keine Ahnung! Feuer frei. Nervöses Hin- und Hergelaufe! Klack! Der Blick auf das Displaybild zeigt M42! Ein wenig unscharf, mit Hotpixeln, mit Vignettierung, mit nicht schwarzem Himmel, mit geringer Auflösung. Völlig egal! Es zeigt M42!!! Im heimischen Garten! In der Innenstadt in Bochum! Der Tag beginnt mit einem Freudentanz. Noch eins. Re-Test-Validierung! Es funktioniert! Das erste DeepSky-Foto! Was soll noch passieren?

Es klingelt. Nächster Alarm? Nein! Zu früh. Ein Anruf? Wer ruft denn jetzt bitte an? Zu nachtschlafender Stunde? Frechheit! Es ist der Kumpel aus Köln, der ebenfalls am Fenster hängt. Kurzer Austausch der Ergebnisse. 300mm Teleobjektiv auf einem Stativ funktioniert nicht. Wieso dreht sich die Erde denn auch so schnell? Die eigenen Ergebnisse lassen Neid in Köln aufkommen.

5:23 Uhr. Ende der Totalität. Der Mond rutscht näher an den Horizont. Es wird heller,  unschärfer und die SD-Karte zeigt noch Platz für 30 Bilder.

Die letzten Aufnahmen werden gemacht und langsam wird zusammengepackt. Die Nachbarschaft erwacht, die ersten Autos werden vom Garagenhof nebenan gefahren.

Die Frau muss um 6 Uhr raus, Beginn der Betreuung des Nachwuchses.

Ende eines tollen Ein-Mann-Events. Und Lust auf mehr!

 

Stephan Rodepeter – Bochum

 

Das Ergebnis

 

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